Praktikumsbericht

07.02.2011 - 06.04.2011 Nele Feldmann • Gentle-Horse-Ranch
 
 
Die Gentle-Horse-Ranch entdeckte ich in den Weiten des World Wide Web...und alles gefiel mir sofort. Die Einstellung zum Pferd, der freundliche Ton, die Philosophie. Und so war ich erst mal ziemlich enttäuscht, dass auf meine Mail, ob ich im Sommer 2011 im Rahmen meines Studiums ein Praktikum bei ihnen absolvieren könne, von Tess erst mal eine Absage kam. Ein Praktikum gerne, aber wenn dann nur im Februar / März. Tja, aber da hatte ich Uni. Nicht, dass mir mein Studium „Equine, Leisure and Sports“ in den Niederlanden besonders gefiel...aber es zu schmeißen? Nur für 2 Monate Praktikum? Und dann? Ich überlegte hin und her -  und schrieb dann Tess kurzentschlossen eine Mail zurück. Ungefährer Inhalt: „Hilfe, ich weiß nicht mehr weiter!“ Und eine wunderbare Antwort: „Komm vorbei wenn du magst, wir können uns gern über andere, alternative Wege, mit Pferden zu arbeiten, unterhalten.“ Wow, da gab es ja Menschen, die mich nicht als Spinnerin abstempelten, weil ich mein Geld zwar mit Pferden, aber eben nicht auf deren Kosten verdienen wollte. Mitte Januar fuhr ich also in die Nordheide. Redete lange mit Anke und Tess und versprach, mir die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen... schließlich schmeißt man nicht so einfach sein Studium. Doch schon auf der Autobahn wusste ich: in Holland hatte ich die längste Zeit studiert.  Diese Entscheidung wurde dann auch schleunigst allen mitgeteilt und irgendwie schaffte ich es innerhalb von einer Woche, alle Zelte in Holland abzubrechen und mich inkl. aller Klamotten und Möbel sowie meiner Hafi-Stute May, mit allem was dazugehört, wieder nach Hause zu verfrachten. May blieb in Bielefeld, noch einen Umzug wollte ich ihr ersparen, während ich eine Woche später Richtung Dierkshausen düste.

Ich wurde, wie schon beim ersten Besuch, sehr herzlich empfangen und nachdem ich meine Klamotten verstaut hatte, ging es auch schon das erste Mal reiten. Ich bekam Lady, ohne Sattel und ohne Gebiss...für mich zwar nicht unbedingt ungewohnt, aber auf einem fremden Pferd in fremder Umgebung im Gelände schon etwas Besonderes. Aber Lady war absolut lieb und angenehm zu reiten und außerdem hatte ich Anke mit Ginger vor und Tess mit Diva hinter mit. Die korrigierte auch gleich fleißig drauflos und entdeckte natürlich promt meine Lieblingsfehler, die uns auch später regelmäßig über den Weg liefen. Auch von den Einstellern wurde ich sofort nett begrüßt, in die tolle Stallgemeinschaft auf- und auch ins Gelände mitgenommen. Am Abend ging es dann noch gleich auf ein FN-Seminar  mit Ingrid Klimke, was in puncto Diskussionsbedarf relativ viel Stoff bot und mir zeigte, dass ich mit meinen Ansichten wirklich nicht allein dastand und ich von Tess viel würde lernen können.

     
Ansonsten gab es jeden Tag was Neues zu tun: Angefangen beim Festschrauben der Lichtplatten auf dem Misthaufendach, über  das Aus- und wieder Einbuddeln von Weidetorpfosten bis hin zum Fensterrahmen streichen. Wenn es das Wetter zuließ, gab es immer irgendwo etwas zu werkeln, mit Tess an der Seite  sowieso auch immer was zu lachen und für mich als handwerklich relativ unbegabtes Etwas umso mehr zu lernen.  Nebenbei entdeckte ich meine Leidenschaft für das Streichen, was mir eher wie Meditation vorkam. Zwischendrin wurde dann auch immer mal wieder die ein oder andere Nichtraucher-Pause mit Süßkram auf der Bank mit exklusivem Paddockblick eingelegt. Und wenn das Wetter mal wieder meinte, dass es noch absolut gar kein Frühling werden sollte, wurde anfallender Bürokram erledigt oder Leder- und Putzzeugpflege im Warmen betrieben. Zwischendurch weihte Anke mich auch in die Geheimnisse der Buchhaltung ein oder ließ mich an ihrem Wissen über Fütterung und Stallplanung teilhaben.
     

Beim Pferdetraining und Reitunterricht dufte ich immer mit dabei sein und auch helfen. Durch Tess’ Fragen an mich dachte ich mehr über bestimmte Situationen nach und bekam ein immer deutlicheres Bild davon, wie Komplex der Beruf „Trainerin“ wirklich ist  und wie viel ich noch lernen muss, um mal irgendwann dorthin zu kommen.
Trotzdem durfte ich selbst Unterrichtsstunden vorbereiten und auch unterrichten. Natürlich immer unter Tess wachsamen Augen und mit Besprechung im Nachhinein. Das brachte mir unendlich viel, denn bisher hatte ich zwar immer mal wieder Kindern Reitstunden gegeben, aber dafür nie irgendein professionelles Feedback bekommen.



     
Und auch ich bekam endlich mal wieder Reitunterricht, nachdem ich mir jahrelang alles selbst „zurechtgebastelt“ hatte, weil sich bei uns in der Gegend kaum ein Reitlehrer auftreiben ließ, der nicht nur auf  Turniertauglichkeit aus war. Ginger zeigte mir also, wie Schenkelweichen richtig gingen, Tess drohte mir irgendwann an, Gewichte an meine Haare zu hängen, wenn ich nicht endlich aufhören würde, den Boden zu inspizieren und das Ganze endete dann auch schon mal im Lachkrampf, weil Lady beschloss, nun doch lieber ihrer eigenen Wegen (hinter Tess her oder wahlweise auf direktem Wege über alle auf dem Platz stehenden Cavalettis) zu gehen, anstatt weiter zu arbeiten. Dennoch lernte ich mehr denn je und hatte letztendlich sogar das Gefühl, als eigentliche „Englisch-Reiterin“ die Western Hilfen mehr oder weniger gut zu beherrschen...auch wenn die Sättel mir weiterhin reichlich suspekt waren. Ziemlich bald durfte ich sogar mit „Baby“ Diva ins Gelände und auf den Platz gehen und ihre  wunderbar weichen Gänge genießen. Dennoch hatte es mir Lady mit ihrer Vergangenheit und der Entwicklung zum heute meist völlig  entspannten, zufriedenen Pferd besonders angetan...was mit Sicherheit  zum Teil auch daran lag, dass wir beide am liebsten ohne Sattel unterwegs sind ;-)
     
 Mein vermutlich wichtigster Job war allerding der des „Leckerli-Spenders“, ob nun beim Jungpferdetraining oder in Ladys ersten Stunden als Amazonen Pferd, ich hatte meistens alle Taschen voll und war nicht zuletzt deshalb relativ beliebt bei allen Pferden, mit denen ich in den 7 Wochen zu tun hatte.

Ansonsten war ich quasi viertes Familienmitglied bei Anke, Jörg und Anna und fühlte mich absolut nie fehl am Platz.  Gleichzeitig war aber auch niemand böse, wenn ich abends in meinem Zimmer verschwand, weil ich noch ein „Skype-Date“ hatte oder einfach nur kaputt war. An freien Tagen besuchten wir Hamburg, Lübeck und Lüneburg, so dass ich neben Kost, Logis und Familienanschluss auch noch Sightseeing geboten bekam. Ich fühlte mich wirklich pudelwohl bei euch,  Heimweh hatte ich nie auch nur im Anflug und die einzige, die ich zwischendurch wirklich mal vermisste, war May, denn mit einem Pony kann man so schlecht telefonieren...
 
   

In der letzten Woche wurde es dann doch  tatsächlich noch richtig Frühling und so kam es, dass ich ein neues Hobby entdeckte, mit dem ich wohl auch mein Hafi-Tier in Zukunft bespaßen werde: Berittenes Bogenschießen. Schon Tess Erzählungen weckten ein ziemliches Interesse in mir und als ich es dann auch noch selbst ausprobieren durfte, war ich restlos begeistert, auch wenn meine Pfeile noch meilenweit vom Ziel entfernt die Weide umgegraben haben.

Doch mit oder ohne Pfeil und Bogen, die zwei Monate haben sich für mich auf jeden Fall gelohnt, ich habe nie auch nur eine Sekunde bereut, mein Studium aufgegeben zu haben und  werde die Zeit bei euch bestimmt nicht vergessen!
 



Vielen Dank an Euch alle für die tollen Wochen, die Schweiz wird sich schwer anstrengen müssen, um Euch das Wasser zu reichen...

Wir sehen uns in 2012, bestimmt!

Eure Nele

 


Liebe Nele,

wir hoffen sehr, dass es Dich bald wieder hierher verschlägt und die Horsis erwarten gespannt die Rückkehr ihres Leckerlispenders...

Es knuddeln Dich
Anke, Tess und alle Horsis & Hundis!